Diversity bleibt. Jetzt erst recht!

PROUT AT WORK-Foundation

PAW #13 mit Mieze McCripple: Wenn Drag Barrieren sprengt - Ein Gespräch über Behinderung, Queerness und Sichtbarkeit

30.06.2026 43 min

Zusammenfassung & Show Notes

Was bedeutet es, behindert zu werden, und warum ist das mehr als eine Frage von Mobilität? In dieser Folge sprechen wir mit Drag Artist und Aktivist_in Mieze McCripple über Ableismus, Queerness und die Kraft von Drag als Form des politischen Ausdrucks. Gemeinsam werfen wir einen Blick auf Sprache, Körperbilder und Barrieren, die oft unsichtbar bleiben, und fragen, wie echte Solidarität aussehen kann. Ein Gespräch über Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und die Frage, wie wir Räume schaffen, in denen Vielfalt nicht nur mitgedacht, sondern gelebt wird.

Mieze McCripple ist Drag Star NRW 2025, Vorstandsmitglied im Queeren Zentrum Düsseldorf und Gründerin des ersten deutschlandweiten Online Stammtisches für chronisch erkrankte, behinderte und neurodivergente queere Menschen. Sowie Mutter des House of McCripple, ein Drag House/Kollektiv für (unsichtbar) behinderte Drag Artists.

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Transkript

Hallo und herzlich willkommen. Du hörst: Diversity bleibt. Jetzt erst recht! Dein Ankerpunkt in Sachen Vielfalt, auch in stürmischen Zeiten. Mein Name ist Enea und hier neben mir sitzt heute Felicia. Wir beide sind von der PROUT AT WORK- Foundation. Mit der Stiftung machen wir uns für die Chancengleichheit von queeren Menschen in der Arbeitswelt stark. Und wir müssen reden.
Felicia Kuckertz
00:00:28
Und das tun wir in diesem Podcast. Wir laden dazu Expert_innen ein, die ihre Perspektiven auf Vielfalt mit uns teilen. Für dich ist Diversity am Arbeitsplatz auch mehr als ein Lippenbekenntnis? Dann bist du hier genau richtig.
Enea Cocco
00:00:42
Ja, Felicia, es ist Juni. Die Pride Season ist im vollen Gange und wenn diese Folge erscheint, reiht sich nach dem Monat Juni, der ja eh allgemein als Pride Month bekannt ist, ein weiterer Visibility Monat. Der Juli ist Disability Pride Month. Heute geht es um Sichtbarkeit, Sprache, Körperbilder, gesellschaftliche Normen und selbstverständlich die Hürden für queere und behinderte Menschen, über die wir sprechen müssen. Heute bei uns ist Drag Artist, Aktivist_in und eine starke Stimme für genau diese Themen, Mieze McCripple. Mit ihren Performances verbindet Mieze Kunst, Politik und persönliche Erfahrungen und schafft Räume, in denen über Ableismus, Queerfeindlichkeiten, unsichtbare Behinderung und Neurodivergenzen gesprochen werden kann. Oder vielleicht ausnahmsweise nicht gesprochen werden muss. Schön, dass du da bist, Mieze..
Mieze McCripple
00:01:33
Danke, ich freue mich auch wahnsinnig, heute hier bei euch zu sein.
Felicia Kuckertz
00:01:37
Ja, cool. Gleich irgendwie direkt zum Einstieg. Nimm uns doch vielleicht mal für dich mit an den Anfang deiner Drag-Reise. Wie bist du eigentlich zum Drag gekommen? Und wurdest du erst sozusagen in deiner Rolle als Mieze zur Aktivistin? Oder warst du da irgendwie auch schon vorher ein bisschen aktiv? Und wenn ja, inwiefern?
Mieze McCripple
00:02:01
Genau, also bevor ich mit Drag angefangen habe, habe ich ja knapp zehn Jahre Poetry Slam gemacht. Also ich habe schon sehr früh angefangen, meine Gedanken in Texte umzuwandeln. Und so Richtung Ende dieser Poetry Slam Zeit habe ich auch angefangen, über Sexismus zum Beispiel Texte zu machen und habe dann auch, meine letzte Performance war während den Black Lives Matter Demos, habe dann auchet was zu Antirassismus gemacht. Aber in der Poetry Slam-Szene wurde mir damals immer gesagt, ich soll doch bitte witziger sein und gesellschaftskritische Themen, das wolle doch niemand hören an so einem Abend. Deswegen habe ich die Szene dann verlassen und habe dann ganz durch Zufall auf der Arbeit eine neue Arbeitskollegin gehabt, die sich relativ schnell vorgestellt hat als lesbische Drag-Queen. Und ich war super verwundert, weil ich glaube, wie die meisten Menschen, mir gar nicht bewusst war, dass jedes Geschlecht Drag machen darf. Und sie hat mich dann zu einer Show eingeladen. Ich bin in diese Szene reingerutscht. Ich habe mich direkt wahnsinnig wohl gefühlt. Nicht mehr der Freak zu sein, sondern quasi ein Freak unter vielen, die das aber zelebrieren. Und ja, als mir dann auch gesagt wurde, man könne auch Spoken Word mit Drag kombinieren, habe ich quasi mir Mut gefasst und einfach mal damit angefangen. Und das ist jetzt vier Jahre her. Und ja, ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt einfach gegangen bin damals.
Felicia Kuckertz
00:03:25
Ja, mega cool. Würdest du dann auch sagen, irgendwie, wenn du vorher im Poetry Slam-Bereich unterwegs warst und dann hast du ja quasi so ein bisschen so einen Übergang gehabt, würdest du sagen, dass Drag dir dann irgendwie verglichen zu vorher auch irgendwie was ermöglicht hat, was da so nicht möglich war vorher?
Mieze McCripple
00:03:40
Auf jeden Fall. Also ich denke, der größte Punkt ist, es hat mir eine Community ermöglicht. Also zumindest in der Poetry Slam-Bubble, in der ich damals war, hatte ich nicht dieses Community-Gefühl. Man ist nicht zu den Auftritten der anderen gegangen. Es gab nicht so diesen Zusammenhalt und auch nicht immer die gleichen Themen und auch nicht dieselbe Lebensrealität. Das ist schon ein enormer Unterschied in Drag. Und tatsächlich habe ich auch das Gefühl, dass dadurch, dass wir alle mindestens eine Marginalisierung teilen, es auch normal ist, über diese Themen zu sprechen. Also dass es einfach generell ein Ort ist, der immer auch politische Elemente hat und aber auch gleichzeitig queer Joy und ich da mit meiner Kunst dann ganz gut reinfinden konnte.
Enea Cocco
00:04:29
Ich habe da gerade so zwei Gedanken noch dazu gehabt. Da einer vielleicht jetzt so gar nicht in unseren Fragen mit drin war, aber ich erinnere mich daran, dass auf der letzten Dragshow, auf der ich war, und da war ich nämlich sehr verwundert dann davon, es auch Performer_innen gab, die heterosexuell waren oder die auch quasi von sich vorher transparent gemacht haben, dass sie gar nicht Teil der Community sind, sondern eben als Allies irgendwie Zugang dazu gefunden hatten und trotzdem aber diese Möglichkeit wahrnehmen wollten, auch da nochmal so Facetten von ihrer Persönlichkeit vielleicht irgendwie auf eine Bühne zu tragen. Und es war ja dann trotzdem in dem Sinne auch ein politisierter Raum und ich fand das total spannend, das vielleicht nochmal so als Anmerkung auch, weil du jetzt gerade sagtest, dass wir alle irgendwie zu mindestens einer marginalisierten Gruppe gehören und ich dann in dem Moment dachte, ah ja, spannend, weil da letztens bei dieser Performance, wo ich gewesen war, diese Personen das so ganz explizit transparent gemacht hatten, dass sie gar nicht in dem Sinne marginalisiert sind, weil sie waren weiß, sie waren able-bodied, sie waren heterosexuell. Trotzdem, spannend. Hast du dazu vielleicht noch ein, zwei Worte oder kennst du auch heterosexuelle Drag-Performer_Innen?
Mieze McCripple
00:05:36
Also ich finde es auch gerade super spannend, weil es ja auch Mut kostet, quasi in einen Raum zu gehen, der jetzt nicht unbedingt für die Gruppe ausgelegt ist, zu der du dann halt gehörst als hetero Person. Ich finde es auch toll, dass das dann auch scheinbar von der Community so aufgenommen wurde. Ich bin der Meinung, Drag ist für jeden und jeder darf Drag machen, deswegen auf jeden Fall. Ich finde in solchen Kontexten ist es halt immer nur wichtig, dass man, also egal in welchen Raum man geht, der ein safer Space für eine andere Gruppe ist und man selber mehr Privilegien hat als die Gruppen, dass man sich einfach dieser Privilegien bewusst ist und dass man einfach so know your place, in welchem Raum auch immer man ist. Aber das ist halt das Schöne, dass Drag wirklich ja auch verbinden kann. Und das zu hören freut mich gerade richtig, dass das auch eine Option war bei der Show.
Enea Cocco
00:06:25
Ich habe eine Frage, die so auch jetzt an das Thema Sprache nochmal anknüpft. Also nachdem du jetzt erzählt hast, dass du ja aus dem Feld der Sprache schon insbesondere kommst. Sprache rund um Behinderung wird oft als sensibles Thema wahrgenommen. Also, mich interessiert erstens, so eine Frage rund um Begrifflichkeiten. Also, welche Begriffe nutzt du und warum, ne? Also, die Frage dahinter ist, wie können wir insgesamt im Sprechen über Behinderung dieses Unwissen vielleicht und auch dieses viele Unbehagen, das glaube ich, so im Diskurs rund um die Themen drin ist, wie können wir das wegmachen? Wie kommen wir in einen Diskurs auf Augenhöhe? Also ich denke an so andere Beispiele. Ich formuliere das deshalb so, weil wir zum Beispiel ja auch oft erleben, wenn wir so Sensibilisierungsworkshops in Unternehmen halten, dass es halt Menschen gibt, die sich nicht trauen, das Wort schwul auszusprechen. Und ich habe den Eindruck, dass es sich eben beim Thema Behinderung, sehr ähnlich verhält. Und genau, was ist deine Antwort darauf?
Mieze McCripple
00:07:23
Absolut. Also das ist eins meiner liebsten Themen tatsächlich, was Aufklärung angeht, weil ich glaube, dass, wenn Menschen schon Angst haben, über ein Thema zu sprechen, dann werden sie ja nie darüber sprechen. Und dann werden sich weder Barrieren im Kopf auflösen, noch in der Gesellschaft, weil dieser Diskurs nicht stattfindet. Deswegen müssen wir den Menschen da erstmal ganz viel Wissen an die Hand geben. Ich selber sage, dass ich ein behinderter Mensch bin. Und ich benutze nicht die Person-First-Language, also Mensch mit Behinderung, weil für mich die Auseinandersetzung mit behindert sein auch meint: behindert werden. Also, meine Hinderungen kommen die meiste Zeit über von außen. Natürlich habe ich auch meine Symptomatik. Aber ich finde das für mich persönlich wichtig, und das ist meine Selbstbezeichnung, von der ich mir auch wünsche, dass sie respektiert wird. Aber ich verstehe auch absolut, dass es Menschen gibt, die sagen, ich bin ein Mensch mit Behinderung. Und von dem, was ich auch so mitbekommen habe in der Community, sind das oft Menschen, die als sehr behindert auch gelesen werden und die deswegen ihr Menschsein voranstellen wollen. In meinem Fall ist das ja auch nicht unbedingt immer der Fall. Also, wenn ich jetzt hier so sitze, würde man mir nicht ansehen, dass ich behindert bin, weil ich keine Form von zum Beispiel Kleinwuchs habe, weil ich keine Dysplasie habe, oder andere Merkmale, die wir mit Behinderung jetzt direkt verknüpfen. Bei mir sieht man es nur, wenn ich einen Gehstock nutze oder einen Rollstuhl. Von daher, ich glaube, diese beiden Begriffe vor allem sind wirklich so der safe way to go, und dass man sich einfach immer bewusst machen muss, dass Menschen da einfach selbst die Entscheidung treffen dürfen, was für sie am passendsten ist. Ich persönlich bin überhaupt kein Fan von diesen weichgespülten Begriffen. Also, ich persönlich mag den Begriff Handicap nicht. Das kommt aus dem Golf. Und ich finde, das zeigt nicht die Tragweite. Ich persönlich mag auch überhaupt nicht den Begriff Special Needs oder besondere Bedürfnisse. Weil in meiner Welt habe ich besondere Bedürfnisse, wenn ich Dragqueen bin. Dann will ich nämlich eine Cola Zero im Backstage haben. Das ist ein besonderes Bedürfnis. Dass ich aber auf eine Veranstaltung mit meinem Rollstuhl auf Toilette gehen kann, ist kein besonderes Bedürfnis, sondern ein ganz normales Bedürfnis. Ich persönlich mag auch nicht gerne Einschränkungen oder Beeinträchtigungen. Aber, wie gesagt, das müssen die Menschen einfach für sich selbst bestimmen. Und dann muss die Gesellschaft das so annehmen. Aber ich glaube, wir müssen vor allem da ansetzen, Behinderung nicht mehr als Schimpfwort zu nehmen. Weil das ist nämlich die Wurzel des Übels. Dadurch, dass es Menschen gibt, die sagen, das ist so behindert, obwohl sie meinen, das ist so beschissen, zum Beispiel, hat es diese negative Konnotation bekommen. Aber am Ende des Tages sind es Behinderungen und wir werden gehindert. Und das müssen wir ansprechen und das müssen wir aussprechen, weil das auch einfach Sichtbarkeit erzeugt.
Enea Cocco
00:10:23
Ja.
Felicia Kuckertz
00:10:25
Total. Ich würde gerne irgendwie da nochmal irgendwie dran anknüpfen. Du hast ja gerade schon gesagt, dass man irgendwie mit manchen Worten, wenn man sie zum Beispiel dann auch als Schimpfworte verwendet, irgendwie auch gewisse Sachen assoziiert. Und in dem Fall fungiert ja Sprache auch so ein bisschen als sozusagen Bildvermittlungsinstrument. Und meine Frage wäre in der Hinsicht nochmal, welche Bilder dir von Behinderung so im Alltag begegnen und welche in deinen Augen auch fehlen?
Mieze McCripple
00:10:50
Also wenn wir jetzt zum Beispiel mal uns so Medien angucken, also es wird ja in sehr vielen Bereichen immer mehr Wert auf Diversität gelegt, auch in, sagen wir, Netflix-Serien und Kinoproduktionen und all das. Und da ist es sehr oft so, dass, oder auch diese, es gab früher auch so Jugendfilme, wo dann so chronisch kranke oder krebskranke Kinder, und die sind dann alle immer so furchtbar witzig. Und das ist, irgendwie haben die so alle so voll gar kein Thema damit, dass sie behindert oder krank sind. Und wenn wir aber Menschen mit Behinderung irgendwo sehen, dann sind es meistens weiße Männer im Rollstuhl, manchmal auch weiße Frauen im Rollstuhl. Und meistens sind sie behindert durch einen Unfall, also haben dann meistens einen Querschnitt. Und erst mal ist das halt nur so ein wahnsinnig kleiner Teil meiner Community. Es gibt so viele verschiedene Formen von Behinderung. Ich zum Beispiel habe ja eine dynamische Behinderung. Das bedeutet, dass mein Unterstützungsbedarf, was Mobilitätshilfen angeht, wechselhaft ist, je nachdem, wie stark meine Schmerzen sind, mal Gehstock, mal Rollstuhl. Das sehe ich super selten. Aber diese Repräsentanz ist halt wahnsinnig wichtig. Also als ich zum Beispiel Arcane geguckt habe, diese League of Legends Serie, gab es einen Charakter mit einem Gehstock. Und ich war so, oh mein Gott, das habe ich so noch nie gesehen. Das ist wichtig. Und wenn wir jetzt aber auch so über Berichterstattung und so nachdenken, dann wird ganz oft so dieses Narrativ gesponnen von, ja, ich bin behindert, aber das hält mich nicht auf. Ich kann genauso gut alles machen, was alle anderen auch können. Und das ist dann...
Enea Cocco
00:12:27
Wenn ich es nur genug will.
Mieze McCripple
00:12:29
Ja, das ist dann auch so ein... Also ich mag diesen Begriff nicht unbedingt, aber man nennt das ja auch so Inspiration Porn. Und ich finde das so total schwierig, weil natürlich sind wir alle in irgendeiner Art und Weise Erfolgsgeschichten, weil wir nun mal überleben müssen und weil wir dieses Überleben für uns irgendwie gestalten. Aber wir sind auch alles Leidensgeschichten. Und das darf man balanciert auf beiden Ebenen darstellen. Und ich finde auch, dass man das muss. Denn es sollte nicht nur dann irgendwie akzeptiert sein, über Behinderung zu sprechen, wenn die Leute so inspirierend sind für die Dominanzgesellschaft, sondern es muss auch darüber gesprochen werden, wo unser Leidensdruck herrscht, wo unsere Barrieren sind, wo unsere Diskriminierung stattfindet. Und dass es einfach zu großen Teilen einfach furchtbar anstrengend, kostenaufwendig und frustrierend ist, behindert zu sein.
Felicia Kuckertz
00:13:18
Ja, voll. Irgendwie nochmal ein bisschen auf das Thema, was du gerade auch noch angesprochen hast, irgendwie einzugehen. Das ist ja so ein bisschen ein ähnliches Thema, was wir in der queeren Community auch manchmal haben, wenn es jetzt um diesen Community-Charakter geht, dass man schon sagen muss, so, queer ist nicht queer. Also so, ich meine, das ist ja quasi ein Sammelsurium an verschiedenen Identitäten und Orientierungen. Und genauso stelle ich mir das irgendwie auch vor bei Behinderung. Und wo würdest du sagen, können wir irgendwie, also wir haben da ehrlicherweise auch in anderen Podcast-Folgen schon ein bisschen über das Thema geredet mit Sabina und mit Detlev. Aber auch nochmal an dich so ein bisschen die Frage, wie schaffen wir das, mehr Aufmerksamkeit dafür zu bekommen, dass Behinderung quasi nicht nur aus Mobilitätseinschränkungen besteht, sondern irgendwie einfach viel mehr ist.
Mieze McCripple
00:14:04
Naja, in erster Linie leben wir zum Glück in einem Zeitalter, wo es so viel, also so viel kostenlose Aufklärungsarbeit gibt. Es ist wirklich kein Aufwand mehr, sich zu informieren. Es gibt so viele verschiedene Creator. Und wir müssen uns bewusst machen, dass es unsichtbare Behinderungen gibt. Und selbst wenn nicht jede Person, die quasi die Kriterien dafür erfüllen würde, dieses Label benutzen möchte, gibt es zum Beispiel Menschen auf dem Autismus-Spektrum, die sich als unsichtbar behindert auch labeln. Und das auch zu Recht, denn sie erfahren Diskriminierung und Ableismus und sie erleben Hürden und Barrieren in ihrem Alltag. Genauso ist auch nicht für jede Person sichtbar, wenn jemand eine Hörbehinderung hat, eine Sehbehinderung hat oder chronische Erkrankungen, die vielleicht auch zu Schmerzen oder anderen Symptomen führen und die Person benutzt aber keine Mobilitätshilfe. Also ich glaube, wir müssen erstmal grundlegend das Verständnis brechen, dass nicht jede Behinderung sichtbar ist. Und wir müssen auch damit umgehen und auch ich muss damit umgehen, dass nur weil ich eine gelebte Expertise im Rahmen meiner Behinderung habe, macht mich das nicht zu einer Expertin für jede Form von Behinderung, was sehr oft so die Annahme ist. Ich möchte auch dazulernen, vor allem in meinem Aktivismus, aber ich habe nicht dieselbe Lebensrealität wie ein Mensch, der blind ist. Und trotz allem ist es wichtig, dass wir alle mitgedacht werden und dass wir alle, die nicht nur den nötigen Respekt, sondern auch den nötigen Barriereabbau erfahren.
Felicia Kuckertz
00:15:32
Stichwort Respekt. Was würde denn dann sozusagen einen Raum für dich am Ende wirklich inklusiv, beziehungsweise du verwendest ja auch lieber den Begriff barrierearm als irgendwie barrierefrei. Was würde ein Raum für dich sozusagen, was braucht es, um so einen Raum richtig inklusiv zu machen? Dass du wirklich sagst, so, boah, da ist an alles gedacht.
Mieze McCripple
00:15:51
Also meistens braucht es leider Betroffene, die diese Aufklärungsarbeit erst einmal leisten, weil das einfach auf so einem großen Facettenspektrum abgedeckt sein muss. Das fängt schon an damit, einen Raum richtig zu bewerben. Das bedeutet, wenn wir jetzt von Veranstaltungen sprechen, gibt es eine Bestuhlung, Fotos von dem Raum vorab im Internet präsentieren, Videorundgang, gibt es Audiodeskription, gibt es Gebärdendolmetschung, gibt es zum Beispiel so Leitlinien, also auf dem Boden für Menschen, die einen Blindenstock benutzen, gibt es einen ganz klaren Ablauf, also auch nicht genügend Informationen zu haben, ist für neurodivergente Menschen oft eine Barriere, ist ganz klar beschrieben, wann fängt es an, wann ist die Pause, wann ist es vorbei, was erwartet mich? Gibt es Trigger Warnings? Auch Menschen mit Traumafolgestörungen können sich als unsichtbar behindert empfinden. Natürlich ist es rollstuhlgerecht, ist es gerecht für Mobilitätshilfen, das beinhaltet auch, können Türen selbstständig geöffnet werden durch Buzzer oder andere Mechanismen, sind die Türen breit genug, gibt es auch bei rollstuhlgerechten Toiletten, gibt es da einen Lifter, Menschen im E-Rollstuhl, denen reicht es nicht, dass da viel Platz ist. Es sind ganz, ganz, ganz viele Punkte und nicht jede Location oder nicht jeder Raum kann alle Barrieren abbauen, weil wir haben manchmal nicht die Option, mal eben ein neues Gebäude hochzuziehen, aber dann muss man einfach wahnsinnig transparent darüber sein und man muss selber daran denken, all das vorab klarzustellen, denn der Workload immer selber nachfragen zu müssen, immer proaktiv alles einfordern zu müssen, ist halt wahnsinnig anstrengend. Das bedeutet insgesamt, man sollte an möglichst jede Form von Behinderung denken, man sollte an unsichtbare Barrieren denken und man sollte alle Informationen, die man hat, wirklich gut und übersichtlich zur Verfügung stellen, vorab.
Enea Cocco
00:17:42
Was sagst du dann in dem Rahmen zu der geplanten Novelle des Behindertengleichstellungsgesetzes? Mir fällt das gerade so deshalb ein, weil ich daran denken muss, dass zumindest so die Kritik, die aus den Ausschüssen dann auch gekommen ist, auf diesen ersten Entwurf ja sehr stark in die Richtung geht, dass insbesondere private Räume, also Institutionen wie eben auch Arbeitsplätze von Unternehmen etc., jetzt bloß nicht überanstrengt werden sollen, damit irgendwie im Rahmen dieser Novelle was umsetzen zu müssen. Das ist so sehr harsch vorgebracht, die Kritik, aber was sagst du dazu, weil das würde ja genau dahin gehen, auch zu sagen, jetzt denkt doch mal endlich an alles, dann kommen wir ja auch einen Schritt weiter.
Mieze McCripple
00:18:22
Es ist gar keine harsche Kritik, es ist eine sehr passende Kritik, denn die Anstrengung liegt ja nicht bei den Institutionen, die Anstrengung liegt ja bei den behinderten Menschen, die permanent gegen diese Barrieren kämpfen müssen. Und dass jetzt darüber debattiert wird, auch wie pragmatisch und auch wie kostenmäßig umsetzbar solche Sachen sind, das sollte überhaupt nicht zur Debatte stehen. Also es sollte nie der Fall sein, dass eine Gruppe Menschen keinen Zugang zu einem öffentlichen Gebäude, zu öffentlichen Verkehrsmitteln hat. Wenn wir das mit anderen Gruppen von Menschen machen würden, sie so explizit auszuschließen, dann wäre der Aufschrei groß. Wenn wir jetzt zum Beispiel Schilder an Gebäude machen, hier dürfen keine schwulen Menschen rein, hier dürfen keine lesbischen Menschen rein, das wäre ein Eklat. Aber ohne, dass wir diese Schilder aufhängen, sagen wir genau das zu der Behinderten-Community. Ihr sollt hier nicht reinkommen, weil wir machen es euch besonders schwer. Und das kann nicht sein. Also Teilhabe darf nicht irgendwie daran gekoppelt sein, wie finanziell lohnenswert es ist oder wie pragmatisch man da denken sollte. Es muss gesetzlich einfach festgelegt sein und es darf auch kein Wunschdenken mehr sein. Es müssen wirklich konkret umgesetzte Forderungen sein.
Enea Cocco
00:19:43
Ja, also ich kenne das in dem Zusammenhang, denke ich mir das eben häufig, dass wir auch mit unserer Arbeit für die Chancengleichheit von queeren Menschen ständig und immer wieder sozusagen dieses Argument vorbringen müssen, dass es ja eigentlich auch einen universellen gemeinsamen Nenner gibt, nämlich sowas wie Menschenwürde und eben Menschenrechte, die ja auch festgeschrieben sind. Und wir trotzdem, auch wenn das eben irgendwo sich mal darauf geeinigt worden ist, deswegen ja nicht überall durchgesetzt wird. Und ich denke, das hört sich für mich immer sehr ähnlich an, auch da nochmal diesen Gedankensprung zu machen. Darum geht es doch und das steht auch allen Menschen zu. Und wieso denken wir dann nicht alles, was man da eben mitdenken muss, auch mit und fangen dann an, irgendwelche Pragmatik-Diskussionen zu führen?
Mieze McCripple
00:20:28
Ich meine, es ist im Grundgesetz verankert.
Enea Cocco
00:20:31
Ja, eben.
Mieze McCripple
00:20:32
Also das ist ja die Sache. Eigentlich gab es mal diesen Konsens. Er wurde halt nur nicht weiter in die Welt getragen und er wurde halt auch nicht umgesetzt. Und das Problem ist, meine Community hat oft nicht dieselben Ressourcen zu demonstrieren. Meine Community hat nicht dieselben Ressourcen, sichtbar zu machen, was wir benötigen. Und meine Community wird in sehr viele Räume gar nicht eingeladen, wo diese Diskussionen stattfinden. Das heißt, wir werden nicht nur nicht gehört, wir haben oft gar keinen Ort, wo wir unsere Stimme erheben können.
Enea Cocco
00:21:06
Ja, ja, zum Thema Ort oder, ja, ein Ort, an dem man vielleicht auch ankommen kann. Du hast, du warst ja neulich in München. Du hast da bei einem Bühnengespräch im NS-Doku-Zentrum davon erzählt, dass du, als du deine erste Dragshow besucht hattest, so ein Gefühl von Zugehörigkeit und vielleicht sogar Heimat, das ist jetzt mein Wording, aber so würde ich es mal paraphrasieren, das erste Mal empfunden hast. Du nanntest das so, hast du vorhin sowas ähnliches auch schon gesagt, ein schwarzes Schaf in einem Raum voller schwarzer Schafe. Hattest du aber auch schon mal andere Erlebnisse in dem Kontext? Dragshows, Community,...
Mieze McCripple
00:21:46
Ja, wie gesagt, was ich ja vorhin meinte, in den meisten queeren Räumen, natürlich, wir können ja auch nicht immer unterscheiden, wer ist jetzt Ally, wer ist queer, aber den meisten, der Großteil in diesen Räumen, teilt eine Marginalisierungsform der Queerfeindlichkeit. Aber die Leute sind sehr uninformiert, was eigentlich Ableismus ist. Viele kennen das Wort auch gar nicht, viele verstehen nicht, was sind Mikroaggressionen in diesem Kontext. Ich wurde schon sehr oft gefragt, was mir eigentlich passiert ist oder was denn eigentlich meine Diagnosen sind. Und ich würde ja jetzt auch nicht einen schwulen Mann fragen, wann warst du das letzte Mal bei der Prostatakrebsvoruntersuchung? Das sind einfach so medizinische Informationen, die gehen auch keinen was an. Dann wird mir auch permanent irgendwie gesagt, wie toll das ist, dass du auch hier bist und ich weiß, woher das kommt, aber das ist halt so ein Othering. Du würdest jetzt nicht zu einer anderen queeren Person gehen, die du nicht als behindert liest und sagen, ich finde es richtig toll, dass du auch hier bist, weil warum sollte ich nicht hier sein? Und auch einfach diese, also so mein Slogan ist immer, wir wollen nicht euer Mitleid, wir brauchen eure Solidarität. Also anstatt irgendwie da so mitleidige Fragen zu stellen, frag doch mich als Aktivistin zumindest, jetzt nicht jede behinderte Person, aber frag doch mich lieber, was kann ich eigentlich tun? Wo kann ich dich unterstützen? Wie kann ich für deine Community ein Ally sein? Und was ich auch ganz problematisch, auch nicht nur als behinderte Person, sondern auch als weiblich gelesene Person, als neurodivergente Person finde, ist das ungefragte Anfassen. Also das ist mir vor allem mit schwulen Männern passiert, vor allem mit betrunkenen schwulen Männern passiert. Da hat sich einer mal auf meinen Schoß einfach gesetzt, für ein Foto, ungefragt. Das sind alles Sachen, die funktionieren leider überhaupt nicht. Und auch die Sensibilisierung für die Sprache fehlt oft, vor allem auch im Drag-Kontext. Da wird auch mittlerweile sehr viel Therapy-Speech genutzt. Also, oh mein Gott, das war so triggernd oder da kriege ich direkt ein Flashback. Als Person mit Trauma-Folgestörung finde ich das ganz furchtbar. Also, leider, ja, sehr viel Ableismus auch in der queeren Community.
Enea Cocco
00:23:56
Ja, weil, also ich dachte mir gerade, das ist sicherlich, man ist ja nicht davor gefeilt sozusagen, nur weil man eine Diskriminierungsform erlebt, deswegen nicht selbst auch diskriminierend zu sein. Und wie wir es ja vorhin schon hatten, ich mir dachte, das ist ja auch ein besonderes Take-away, was man sich immer wieder klar machen muss. Es sind ja auch Strukturen, die dazu beitragen, dass das so ist. Es ist ja nicht immer nur die individuelle Verantwortung. Man kann die zwar annehmen und dann darin richtig handeln und trotzdem gibt es ja drumherum ein Umfeld, was überhaupt erst herbeiführt, was wir lernen, was uns eingeprägt wird, wie wir sozialisiert sind etc. Und da ist man, selbst wenn man betroffen ist von der einen oder anderen oder mehreren Diskriminierungsmechanismen ja deshalb nicht gefeit vor. Deine Themen sind ja unweigerlich intersektional. Vielleicht können wir hier von dem Barrierefreiheitsthema, was wir vorher hatten, aber auch nochmal einen Schritt weiter gehen. Es geht auch ein bisschen so in diese Frage von geteilten Räumen vielleicht rein. Also queere Kämpfe sind Kämpfe um geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung, also irgendwie auch um körperliche Selbstbestimmung. Und natürlich geht es darum mitunter auch in den Kämpfen von behinderten Menschen oder auch sehr stark. Aber du meinst ja im Vorgespräch auch schon, dass insbesondere Sexualität und so eine sensitive Körperlichkeit behinderten Menschen auch abgesprochen wird. Also so ein Stichwort wäre hier, Desexualisierung, den Begriff hast du verwendet. Magst du dazu nochmal was sagen und was entgegnest du diesen Mechanismen, dass das passiert?
Mieze McCripple
00:25:21
Ja, absolut. Also wie gesagt, ich habe ja vorhin auch schon erklärt, es gibt Menschen, die werden als behindert gelesen. Es gibt Menschen, die werden nicht als behindert gelesen. Es sind gerade Menschen, die als behindert gelesen werden. Die werden oft einfach als so ein desexualisiertes Wesen betrachtet. Also das sehen wir schon so ganz oft, wenn dann zum Beispiel eine able-bodied Person mit einer behindert gelesenen Person in einer Beziehung ist und dann so Kommentare kommen wie, ja, das könnte ich nicht oder der hat bestimmt viel Geld oder, ja, aber dann kommt sie nicht auf ihre Kosten. Also sowas kommt ganz oft, dass überhaupt der Gedanke, dass auch Menschen in einer mixed-abled Beziehung ein erfülltes Sexleben oder schöne Intimität erfahren können, der kommt überhaupt nicht auf. Dann wird ja auch gleichzeitig dadurch, aber auch von Seiten von Eltern teilweise, also ich habe früher auch mit behinderten Kindern und Jugendlichen gearbeitet, auch mit geistiger Behinderung, da wird das Thema auch sehr oft so ganz nach hinten gepackt. Da werden keine Aufklärungsgespräche geführt, weil der Gedanke überhaupt nicht herrscht, ja, okay, auch mein Kind mit einer geistigen Behinderung könnte irgendwann Romantik und Intimität sich wünschen und braucht auch Verhütung. Also das sind auch nochmal so extrem tabuisierte Themen. Und gleichzeitig ist es auch super oft, wenn man vor allem einen Mann im Rollstuhl sieht, wie oft er gefragt wird, ob sein Genital funktioniert. Also auch einfach diese Scham existiert nicht mehr, solche Fragen zu stellen. Und das ist ganz grausam. Und auch behinderte Menschen dürfen sich sexy und schön und sensual fühlen. Und auch behinderte Menschen haben Lust auf Sex oder sind auch asexuell. Auch das ist ein Spektrum. Aber auch wir sind begehrenswert. Und auch wir sehnen uns nach Intimität. Und das ist ein genauso normales Thema wie für den Rest der Gesellschaft. Und das ist ja, was Drag mir zurückgegeben hat, ist, dass ich mich in meinem behinderten und auch in meinem dicken Körper wieder wohler gefühlt habe, sensual gefühlt habe, sexy gefühlt habe, weil ich ihn nicht mehr verstecken wollte und weil ich mich auch nicht mehr geweigert habe, meine Mobilitätshilfen zu zeigen. Denn wenn man auf Dating-Apps Fotos mit Mobilitätshilfen hat, liebe Leute, es ist ein massiver Einbruch an Nachrichten, die man bekommt. Und das ist eine kleine Feldstudie aus meinem Leben.
Enea Cocco
00:27:36
Ja, das kann ich mir vorstellen. Also Dating-Apps, so gut sie sein können in dem, was sie anbieten, alles, was ich bislang mitbekommen habe, kurze eigene Feldstudie, aber auch von Friends, ist also wirklich eine lebende Hölle, in der man da war. Genau. Also, aber ja, ich meine, es ist ja auch total wichtig, irgendwie dafür eine Sensibilität zu haben. Ich dachte auch gerade eben nochmal, weil du sagtest, dass es so überhaupt keine Scham mehr gibt, bestimmte Fragen zu stellen. Dass es ja interessanterweise, möglicherweise auch mega gekoppelt ist, an so eine Medaille, auf deren anderer Seite die absolute Scham steht, weil du kurz davor eben beschrieben hast, wie so die Auseinandersetzung damit, also vielleicht auch auf Elternseite oder so, dass ihre Kinder, die behindert sind, vielleicht auch irgendwann mal Sex haben möchten, vielleicht auch deshalb so weit nach hinten geschoben wird, weil es ja wahnsinnig schambehaftet ist, für diese Eltern, vielleicht in ihrer Sexualmoral oder ihren Vorstellungen, sich damit auseinanderzusetzen, also zu denken, mein Kind könnte auch Sex haben, also ich dachte mir gerade irgendwie, das ist irgendwie eine interessante, doppelte, sowohl gar keine Scham mehr, als auch wahnsinnig viel Scham und auch Unwissen und dadurch eben so dieses schamvolle, ich schiebe das Thema weg.
Mieze McCripple
00:28:47
Absolut, ich glaube so zusammengefasst ist, es sollte keine Scham bestehen, die richtigen Fragen zu stellen, aber es sollte Scham bestehen, die falschen Fragen zu stellen.
Felicia Kuckertz
00:29:00
Ich würde gerne trotzdem auch noch mal auf dieses Thema, noch mal auf dem Thema Scham rumreiten, im Hinblick auf das Thema Drag tatsächlich, weil wenn ich jetzt so ein bisschen drüber nachdenke, finde ich, irgendwie ist ja ein so ein Stilmittel, das ich persönlich mit Drag auch verbinde, das ja schon irgendwie auch viel irgendwie mit Übertreibungen in mancherlei Hinsicht irgendwie arbeitet und ich finde schon auch ein bisschen so mit so einer guten Form von Schamlosigkeit. Würdest du sagen, dass das auch irgendwie was ist, wo dir Drag auch irgendwie auf individueller Ebene dich irgendwie weitergebracht hat in der Hinsicht?
Mieze McCripple
00:29:35
Ja, und ich habe aber auch Kritik da dran. Also ja, im Sinne von, ich habe einmal eine sehr persönliche Nummer gemacht über das Überleben von sexueller Gewalt und am Ende dieser Nummer stand ich quasi nur in so beiger Unterwäsche auf der Bühne und habe meine Scham zu dem Thema losgelassen und habe meinen Körper gezeigt und habe mich als Überlebende gezeigt und das war wundervoll und da hat die Scham die Seiten gewechselt. Auf der anderen Seite kritisiere ich vor allem an meinen Drag-Schwestern, die schwule Männer sind, dass teilweise keine Scham davor herrscht, gerade genau in dieser Gruppe, auch wirklich verletzende und problematische weibliche Stereotypen schamlos auf der Bühne zu überzeichnen. Also ich möchte keine Tropes mehr sehen von dem dummen Blondchen mit den großen Brüsten. Ich finde es auch schwierig, manche Begriffe dann als schwule Drag-Queen zu reclaimen, die den Menschen in seinem Alltag nie entgegengebracht wurden, wenn ich als Frau sozialisiert wurde. Ich sage nicht, dass das alles immer falsch ist oder dass ich deswegen Leute cancel. Ich wünsche mir darüber nur ein bisschen mehr Awareness und dass man sich wirklich bewusst macht, dass man als schwuler Mann, der Drag macht, danach das alles ablegen kann. Und wir Frauen und weiblich gelesene Personen können das nicht tun. Und da wünsche ich mir einfach ein bisschen nicht mehr Scham, sondern einfach ein bisschen mehr Respekt und Wertschätzung der Feminität gegenüber.
Enea Cocco
00:31:10
Das wäre wahrscheinlich halt nicht das, was wir in anderen Kontexten ja eben auch immer wieder sagen, so, check your privilege, oder? Also du kannst natürlich als schwuler Mann auch aufgrund deiner Sexualität wahnsinnig auch Gewalt erfahren und schreckliche Erfahrungen machen. Und dennoch ist in einem, auch wenn er als teilweise dysfunktional markiert wird, Männerkörper aufzuwachsen, was anderes als weiblich gelesene Personen durch eine Jugend zu gehen und so sozialisiert zu werden. Und das sind dann zwei unterschiedliche Voraussetzungen.
Mieze McCripple
00:31:50
Und dennoch wünsche ich mir und wünsche ich auch allen meinen schwulen Dragschwestern, dass sie auch ihre schwule Weiblichkeit ausleben dürfen, für die sie oft auch ausgegrenzt wurden. Aber ich wünsche mir einfach nur ein bisschen mehr Weitsicht, während sie das tun.
Enea Cocco
00:32:05
Ja.
Felicia Kuckertz
00:32:07
Würdest du irgendwie bei einem Wunsch nach Weitsicht sozusagen trotzdem auch sagen, dass Drag ein Thema ist, wenn es jetzt um gesellschaftliche, weil an sich steckt da ja schon auch ein gewisses Potenzial dahinter, wenn man sozusagen dieses Bewusstsein schafft, für das irgendwie da gewisse Rollen vielleicht auch zu überspitzt und ganz grundsätzlich auch einfach reproduziert werden, würdest du sagen, dass trotzdem Drag so ein Potenzial hat? Beziehungsweise worin genau siehst du das Potenzial, um ganz grundsätzlich gesellschaftliche Themen wie Ableismus oder Queerfeindlichkeit voranzutreiben? Also nicht voranzutreiben, sondern den Kampf dagegen voranzutreiben?
Mieze McCripple
00:32:41
Ja, also das, was ich an Drag am meisten ja auch liebe und was da jetzt auch wirklich so eine gute Ressource ist, ist ja, du kannst ja jede Kunstform nehmen und sie in Drag machen. Das kann Tanz, Gesang, in meinem Fall Spoken Word, alles Mögliche. Und das bietet uns ja wirklich so einen riesigen Werkzeugkoffer an Kunstformen und an Themen, die wir da irgendwie selber verhandeln können auf der Bühne, dass ich eigentlich denke, the Sky is the Limit, also jeder Mensch, der sich damit wohlfühlt, seine eigenen Themen und vielleicht auch Diskriminierungsformen und aktivistischen Gedanken auf die Bühne zu bringen, der hat quasi keinen besseren Ort dafür als Drag. Und ich wünsche mir, dass es vielleicht an mancher Stelle ein bisschen mehr politischen Drag gibt, aber mir ist auch ganz bewusst und ich finde es auch ganz wichtig, dass es an anderer Stelle auch einfach nur Queer-Joy-Performances gibt, weil wir das beides brauchen. Und auch queer Joy ist in einer Art und Weise Aktivismus. Also sich und die Community zu zelebrieren und laut und sichtbar zu sein, ist genauso wichtig für die politische Lage wie alles andere, was wir machen.
Enea Cocco
00:33:49
Du hast schon gesagt, so was der Raum ist, den Drag aufmachen kann, für die Teilnehmenden, also für die Zuschauenden, aber auch für diejenigen Personen, die dann auf die Bühne gehen und da nochmal Facetten von sich zeigen. Warum denkst du, dass Drag Menschen vielleicht anders erreichen kann als so andere, vielleicht schon etablierte Formate? Also ich denke deshalb daran, weil auch aus unserem Umfeld haben wir das schon mehrfach mitbekommen und auch selber gebucht, also auf unseren Konferenzen zum Beispiel, als Bühnenshows, Dragshows, die auf inhaltlichen Konferenzen, also auch in so einem Unternehmenskontext, irgendwie sehr gut angenommen werden. Das ist so die Erfahrung. Also ich hörte auch von, tatsächlich irgendwie so das Netzwerk eines Unternehmens stellt sich vor und dann ist da integriert eine Dragshow, während die sich dem Vorstand vorstellen und auf einmal sind die Leute total begeistert. Also ja, warum erreicht Drag Menschen anders?
Mieze McCripple
00:34:41
Ich glaube, das Gute an Drag ist, dass wir auch sehr oft mit so einem Überraschungsmoment arbeiten können. Also weil in erster Linie ist Drag, es ist zwar bekannter, als es früher war, auch durch RuPauls Drag Race und all das, aber es ist ja immer noch nicht etabliert im Leben von Menschen, die jetzt zum Beispiel nicht queer sind und auch nicht im Leben von allen queeren Menschen. Also es hat immer noch so dieses Mysteriöse, was erwartet mich da, Glitzer und Tamtam. Und wenn man mit der Erwartungshaltung reingeht und erwartet, da ist jetzt wirklich den ganzen Abend nur Madonna und sonst was und dann kommt eine politische Message, dann hat man sich ja irgendwie einem Diskurs geöffnet, auf den man vielleicht gar nicht so vorbereitet war. Was manchmal auch gut sein kann, weil man manchmal dadurch dann Leute erreichen kann, die sich vielleicht sonst nie bewusst mit diesem Thema hätten auseinandersetzen wollen und dann merken, wie wichtig das war. Und gleichzeitig ist Drag auch ein Spiegel, der zeigt, dass wir alles sein dürfen, dass wir uns verändern und anmalen und verkleiden dürfen und wirklich wir alle die Macht haben, aus uns alles Mögliche zu machen. Und ich denke, dass das wahnsinnig inspirierend sein kann für alle Menschen, nicht nur für Menschen, die queer sind. Von daher denke ich, das ist einfach der Facettenreichtum und die Möglichkeit, Entertainment mit Aufklärung und Aktivismus zu verbinden. Das ist so ein bisschen das Rezept, was es so wundervoll macht.
Enea Cocco
00:36:09
Schön. Daran gleich anknüpfend, vielleicht dann auch eine andere, geht da jetzt in eine andere Richtung sozusagen, aber wenn wir schon dabei sind. In der Stadt München wird es in diesem Jahr das erste Mal einen Disability Pride Month in der Form geben, dass es eine Demonstration geben wird. Also an der Stelle auch an alle Hörenden, 26. Juli, 15 Uhr am Odeonsplatz. Und der Monat aber auch sonst als Aktionsmonat genutzt wird und offiziell von Seiten der Stadt unterstützt wird. Die Frage ist also insofern so ein bisschen rhetorisch, aber magst du uns trotzdem ein paar Worte dazu sagen, welche Chancen und auch welche Notwendigkeiten da drin stecken, so einen Aktionsmonat zu begehen? Also die Stichworte hier sind natürlich Sichtbarkeit, Aufklärung, aber eben vielleicht auch, und wir haben das hier schon anklingen gehabt, ableistische Kontinuitäten, die aufgedeckt werden müssen.
Mieze McCripple
00:36:54
Also ich finde, es hat zwei wichtige Pole. Der eine Pole ist natürlich die Aufklärungsarbeit und Berührungspunkte zu schaffen und Sichtbarkeit zu zeigen. Der andere Punkt ist aber auch, was bedeutet so ein Monat auch für meine Community? Was für ein Empowerment steht dahinter? Wie kann man sich vielleicht auf so einer Demo auch mit anderen behinderten Menschen vernetzen? Ich habe gelernt, es ist sehr wichtig, auch behinderte Friends zu haben, geteilte Lebensrealitäten. Also es hat auf beiden Seiten, auf der Seite der vielleicht potenziellen Verbündeten, aber auch auf der Seite der Betroffenen, hat einfach wirklich so viel Potenzial, was Wichtiges zu bewegen, uns näher zu bringen, uns aufzuklären, aber auch tatsächlich stolz zu empfinden, als man selbst, als behinderter Mensch gesehen zu werden und da für die richtige Sache einzustehen. Deswegen wünsche ich mir eigentlich, dass jede große Stadt das hat. Und ich hoffe, dass Düsseldorf als nächstes dran ist.
Enea Cocco
00:37:45
Daumen sind gedrückt, das wäre wirklich Zeit, nicht? Aber soweit ich das jetzt auch herausgefunden habe, gibt es das in, also es gibt in Berlin schon seit über zehn Jahren auch Marches, die dann sozusagen verhandeln, aber die sind nicht offiziell von der Stadt gebackt, soweit ich das mitbekommen habe. Also es gibt mal so einzelne Stadtteile, die dann auch eine Disability Pride Flag hissen und so, aber es gibt es nicht in der Form, dass es sozusagen so institutionalisiert ist, dass sie sagen, so die Stadt sagt, wir machen jetzt Disability Pride Month.
Mieze McCripple
00:38:11
Ja, also es gibt an vielen Punkten auf jeden Fall auch schon wichtige Aktionen. Es gibt auch die Mad Pride zum Beispiel. Ich bin selbst seit zwei Jahren auf dem Inklusionstruck bei der Berlin Pride, der erste Inklusionstruck. Aber das ist halt, in der Utopie würde es genauso zelebriert werden wie der Pride Month und es wäre ganz normal, das jedes Jahr im Juli für uns alle möglich zu machen.
Felicia Kuckertz
00:38:38
Stichwort Utopie ist ja auch so ein bisschen Ausblick in die hoffentlich eintretende Zukunft. Aber ich wollte erstmal nochmal ganz kurz sozusagen auf eine Aussage, die du jetzt schon getätigt hast, zurückgehen, bevor wir auch schon uns dem Ende der heutigen Folge nähern. Und zwar, du meintest an einer Stelle, dass ihr sozusagen das Mitleid nicht wollt. Und in einer anderen Performance hast du auch gesagt, du möchtest eigentlich gar nicht unbedingt als Inspiration gesehen werden, sondern einfach deinen Weg gehen. Und meine Frage wäre dazu irgendwie, was du von deinen Mitmenschen, beziehungsweise von Allies ganz grundsätzlich, dir in der Zukunft wünschen würdest, also sei es von Einzelnen, aber auch irgendwie ganz allgemein von der Gesamtgesellschaft, damit du sozusagen deinen Weg weiter gehen kannst, ohne immer als Inspiration gleich vorangehen zu müssen. Genau. Und was gibt dir da vielleicht auch Hoffnung?
Mieze McCripple
00:39:27
Also ich bin sehr gerne eine Inspiration für andere behinderte Menschen, im Sinne von, dass Menschen mir gesagt haben, sie haben sich durch mich getraut, einen Gehstock zu benutzen. Und das ist was komplett anderes. Ich möchte keine Inspiration sein für eine ablebodied Person, die sagt, ach, wenn Mieze mit all dem irgendwie das Leben hinkriegt, dann kriege ich das auch hin, wenn ich mal sechs Wochen den Fuß verstaucht habe. Das ist der Unterschied an erster Stelle. An zweiter Stelle ist dieses, wir wollen kein Mitleid, sondern Solidarität, der wichtige Punkt. Was heißt Solidarität? Und wo ist der Unterschied zum Mitleid? Solidarität bedeutet, dass man einen eigenen Wunsch nach Gerechtigkeit für diese Gruppe entwickelt und dem nachgeht und da wirklich in Aktion trittt. Und das wünsche ich mir. Ich wünsche mir, dass Leute sich selbst aufklären, sich selbst informieren. Ich wünsche mir, dass viel mehr Institutionen Workshops buchen von betroffenen Menschen und die dann auch dementsprechend richtig bezahlen. Denn unbezahlte Aufklärungsarbeit machen wir alle zur Genüge. Ich wünsche mir, dass einem bewusst wird, jedem Menschen in unserer Gesellschaft, dass meine Community die einzige marginalisierte Gruppe ist, zu der du jederzeit dazugehören kannst. Und dass sehr viele Anpassungen, die für meine Gruppe wichtig sind, für uns alle Dinge erleichtern. Und wir alle profitieren mittlerweile von Aufzügen oder von abgesenkten Bordsteinen, wenn wir mit Koffer und Kinderwagen unterwegs sind. Aber dass es trotzdem nicht nur dann wichtig sein sollte, wenn es einen Mehrwert hat, sondern es muss wichtig sein, weil es Menschenrechte sind und weil wir dasselbe verdient haben wie der Rest der Welt. Und das wünsche ich mir. Und im Allerkleinsten fängt das schon damit an, dass man Menschen outcalled, die Behinderung als Schimpfwort benutzen. Und dass, wenn man Ableismus am Arbeitsplatz sieht, dass man für die Menschen einsteht und dass man generell auch vor allem im beruflichen Kontext sich dafür einsetzt, dass Menschen mit Schwerbehinderung eingestellt werden und sich bewusst macht, dass das nicht immer nur eine Person im Rollstuhl ist.
Enea Cocco
00:41:15
Danke für diese allumfassenden oder vielumfassenden und sehr, sehr konkreten letzten Worte von deiner Seite. Wir sind mit der Zeit jetzt so ein bisschen am Ende unserer heutigen Folge angelangt. Ich möchte an der Stelle nochmal ganz, ganz herzlichen Dank an dich richten, Mieze, dass du dir die Zeit genommen hast, auch bei deinem vollen Terminkalender und allem, was bei dir so los ist. Und würd vielleicht zum Abschluss nochmal dir das Wort erteilen, dahingehend, was steht bei dir jetzt an? Wo können Menschen dich außerhalb auch von dieser Folge mit deinen Aktivitäten finden? Was geht bei dir in diesem Jahr noch?
Mieze McCripple
00:41:48
Ja, ich danke euch auf jeden Fall auch erstmal für diese Einladung, dieses wundervolle Gespräch und euer Interesse an meinen Themen. Ja, was geht bei mir? Ich glaube, man, das meiste findet man auf meinem Instagram, Mieze unterstrich McCripple. Es gibt aber auch eine ZDF-Doku über mich. „Einfach Mensch“ heißt das. Die Folge heißt „Queer und Behindert“. Findet man in der Mediathek. Ansonsten bin ich jetzt auf einigen Prides unterwegs, auch in Köln. Ich werde noch bei Gianni Jovanovic, bei den KleinenMehrheiten sein, am 4. Juli. Und auch in Berlin am 31.8., also irgendwo in Deutschland wird man mich antreffen. Und ansonsten freue ich mich auch immer über Anfragen wie das, was ich auch online machen kann, was niedrigschwellig für mich ist. Und ja, das war auf jeden Fall nicht das Letzte, was ihr von mir gehört habt.
Enea Cocco
00:42:33
Sehr gut, das freut uns und ich glaube auch alle Hörenden hoffentlich sehr. Ja, und dann bleibt mir an dieser Stelle auch nichts anderes mehr, als mich auch von dir, Felicia, zu verabschieden und von unseren Hörenden sowie von dir, Mieze. Vielen Dank. Und das war die aktuelle Folge von Diversity bleibt jetzt erst recht.

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